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Die Rieseneiche von Borlinghausen

Etwa vier Kilometer östlich von hier steht einer der ältesten lebenden Zeugen der Klimageschichte Westfalens – die Rieseneiche von Borlinghausen. Grund genug für einen kurzen Abstecher – zumindest in Gedanken.

Last und Mühsal von über 1.000 Jahren Geschichte drücken den sagenhaften Baum. Durch den Verlust des Kernholzes ist die Stieleiche in zwei Hälften geteilt. Nur Eisenstäbe und Mauerwerk halten sie zusammen. Mit ihrem Stammumfang von 11 Metern ist sie die stärkste und wahrscheinlich älteste Eiche Westfalens. Der Sage nach soll Karl der Große selbst sie gepflanzt haben. Seither habe der Baum, so sagen die Bewohner von Borlinghausen, schon viele Armeen vorüberziehen sehen.

Zeugin einer wärmeren Vergangenheit

Heute erzählt die Eiche den friedlichen Wanderern als Zeitzeuge von der regionalen Klimageschichte. Gepflanzt wurde sie während der Mittelalterlichen Warmzeit. Diese Periode vergleichsweise milden Klimas, in der auch das Kloster Hardehausen gegründet wurde und zu wirtschaftlicher Bedeutung aufstieg, dauerte vom 9. bis in das 14. Jahrhundert. In den mitteleuropäischen Wäldern gab es damals deutlich mehr wärmeliebende Baumarten wie Linde oder Eiche.

Auch die menschliche Nutzung begünstigte zu dieser Zeit die Entstehung und Verbreitung lichter Eichenwälder. Schweine, Rinder und Pferde, aber auch Ziegen und Schafe wurden zur Waldweide in so genannte Hudewälder eingetrieben. Dem Vieh dienten Eicheln und Bucheckern, aber auch Pilze, Waldkräuter und die Triebe und Knospen junger Bäume als Nahrung. Vor allem die Eicheln boten nahrhaftes Futter. Daher wurden die Eichen in den Wäldern geschützt und durch Aussaat gefördert.

Spuren der Waldweide

Die Nutzung der Wälder zur Viehweide und -mast hat Spuren hinterlassen. In Wäldern zeugen breit ausladende Kronen vom ehemals freien Stand der Masteichen und -buchen in den lichten Wäldern. Mehr stämmige oder besenartige Kronen verraten die frühe Kappung der Bäume, die sich dadurch zu einer breiten, masttragenden Krone verzweigten.

Möglicherweise ist auch der zweistämmige Wuchs der Borlinghauser Eiche auf die frühere Waldnutzung zurückzuführen. Um den Aufwuchs von Eichen oder Buchen gegen Viehverbiss zu schützen, wurden oftmals mehrere Heister in ein gemeinsames Pflanzloch gesetzt. Kamen mehrere der gesetzten Bäume auf, wuchsen diese im Nachhinein zusammen und bildeten in zwei bis drei Meter Höhe eine mehrstämmige Krone aus.

Eichenwälder – im Naturpark heute die Ausnahme

Hudewälder wurden während des Mittelalters, also zu der Zeit, als die Borlinghauser Eiche der Sage nach gepflanzt wurde, insbesondere in der Nähe der Siedlungen ausgeweitet. Später, im Hochmittelalter, bedeckten sie im dichtbesiedelten Mitteldeutschland große Flächen zwischen den Siedlungen und Feldfluren.

Mit dem Ende des Mittelalters änderten sich die Bedingungen für die Baum arten: In der Klimageschichte folgte auf die Mittelalterliche Warmzeit die so genannte Kleine Eiszeit vom Anfang des 15. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie brachte ein kühleres und feuchteres Klima mit sich und begünstigte die Buche.

Auch die Nutzung der Wälder veränderte sich. Die Pestepidemien des 14. Jahrhunderts, später der 30-jährige Krieg, dezimierten die Bevölkerung. Viele Siedlungen fielen wüst. In den Wäldern unterblieb die Waldweide, die der Eiche förderlich gewesen war. Ab dem 17. Jahr hundert begannen energieintensive Industrien, im Eggeraum vor allem die Glasherstellung, große Mengen an Holz zu verbrauchen. Ungeregelte Waldnutzungen wie die Waldweide wurden verboten. Die Nachfrage nach Eichenholz und das Nutzungsinteresse an Eichenwäldern ließen nach.

In der Folge ging auch die Verbreitung von Eichen und Hudewäldern zurück. Heute herrscht in weiten Bereichen des Teutoburger Waldes und des Eggegebirges die Buche vor. Natürliche Standorte für Eichenwälder liegen in den Flussniederungen und im westlichen Vorland der beiden Mittelgebirge.